DJ BOBO, 16.05.2010, Porsche-Arena, Stuttgart

DJ Bobo

Fotos: Steffen Schmid

Für mich ist DJ BoBo ein Phänomen.

Wenn man zurückdenkt an vergangene Jahrzehnte, gibt es Dinge, an die man sich gerne erinnert und Dinge, an die man sich kaum erinnert – unbewusste Verdrängung wahrscheinlich. Eurodance, die Vermainstreamung von Techno, Dance und Rap abendländischer Prägung mit den laserschwertscharfen Sopran-Refains könnte darunter fallen. Alle Akteure vergessen. Alle?

DJ BoBo a.k.a. René Baumann, der Schweizer aus den alten Tagen, hat sich seit knapp 20 Jahren mit immer bombastischeren Shows durchgekämpft. Und das nötigt mir Respekt ab, so viel, dass ich heute Abend in die Porsche-Arena gehe, um mir seine neue Show anzuschauen. Ich möchte wissen, was da passiert, warum da so viele Leute hingehen, und vor allem: welche Leute da hingehen.

Fantasy heisst seine aktuelle Tour, nicht zu verwechseln mit den Vorangegangenen namens Vampires, Pirates of Dance oder gar Mystasia. Weil die 20 Uhr Vorstellung ausverkauft war, setzen die Veranstalter übrigens zusätzlich um 15 Uhr eine Zusatzvorstellung an. Yep, Respekt.

Im Vorprogramm: Captain Hollywood – abgefahren! Tony Dawson-Harrison und seine Dance-Squad tanzt und sprechsingt More And More und Only With You inkl. Ansagen wie “Dieses mal ich sage put your hands up“ oder „Das ist so schön the Neunziger“. Das möchte ich so stehen lassen.

Doch die 5000 sitzenden Zuschauer erwarten den Meister. Ein stimmungsvolles Intro erklingt (Schmoudi: „So klingt´s auch in der tibetanischen Sauna in den SchwabenQuellen“). Eine Elfenkostümierte tänzelt vom Spot begleitet durch den Saal und schattenspielt auf dem die Bühne verhüllenden Vorhang. BoBos Schattenbild erscheint und der fallende Vorhang gibt den Blick auf die 12 Meter hohe sechsarmige Buddhafigur frei, die das Bühnenbild dominiert. Und los geht die Popshow: acht TänzerInnen (auch so was aus den Neunzigern, dieses Innen), alle inkl. BoBo im Look eines Fantasymangas, wuseln wie bei einem Konsolen-Hau-und-Stechspiel vor den Füßen des Buddhas umher, während die schwindelfreien Musiker auf den plattformartigen Händen live den Sound dazu abliefern.

Und ich meine live, im Gegensatz zu Alles-vom-USB-Stick-Deichkind, aber das ist auch ein anderes Konzept. Zurück zum asiatischen Unterhaltungsgötzen: um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen… würde BoBo auf Buddhas Nase herumtanzen, könnte er sich an Siddharthas Stirnrunzeln festhalten – was er natürlich nie tun würde, René Baumanns political correctness  steht außer Frage (siehe DJ BoBo Magazin S. 26 ff „Mein Engagement für das World Food Programme“).

Präsentiert wird eine sehr beeindruckende und abwechslungsreiche im DJ-BoBo-Stil durchchoreografiert, farbenfrohe und effektgeladene Schau. Seine Publikumsansprache hat was von einem sanften Aerobic-Lehrer („Aufstehen, Stuttgart, beide Arme nach oben, ja, das klappt ja schon ganz gut…“), und dem eher 30- bis 50-jährigen Publikum (Angestellte des nichtgehobenen Dienstes aller Länder, vereinigt euch) gefällt das einnehmend gut, sie machen alle gerne mit.

Ich vermisse wirkliche Emotionen auf der Bühne. René Baumann wirkt für mich an diesem Abend eher wie ein Dienstleister, der sein Imperium gegenüber seinen Fans verteidigt, immer in der Hoffnung, weitermachen zu dürfen, denn als ein Musiker, der seine Musik lebt. Aber als solcher bezeichnet er sich wahrscheinlich auch nicht und dieser distanzierte Eindruck liegt vielleicht auch an seinem Schweizer Naturell. Es ist eine Feel-Good-Show mit kantenlosem Pop und den dazugehörigen seichten Texten, mit Gänsehautfeeling fürs Volk, Entertainment vergleichbar mit Musicals oder Holiday on Ice. Mit dem Unterschied, dass kein Unterhaltungskonzern dahinter steht, sondern eine über Jahre gewachsene Firma, eine große Teamarbeit, in dessen Zentrum der Hauptdarsteller der Show agiert. Und da ist er wieder, mein Respekt, Herr Baumann. DJ Bobo ist ein Phänomen.

Unabhängig davon möchte ich abschließend niemandem vorenthalten, dass der Wikipedia-Artikel zu DJ Bobo zeigt, dass bisweilen auch Die freie Enzyclopädie an die Grenzen der Seriosität stößt: „DJ BoBo wurde 2006 in der Fernsehshow Verstehen Sie Spaß? von Sandra Cretu veräppelt.“

DJ Bobo

Fotos: Steffen Schmid

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10 Gedanken zu „DJ BOBO, 16.05.2010, Porsche-Arena, Stuttgart

  • 17. Mai 2010 um 16:15
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    sagenhaft das alles…aber wie bitter ist es denn von Sandra Cretu verarscht zu werden? Geht’s tiefer?

  • 17. Mai 2010 um 21:21
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    hört sich nach ner spitzen-schau an, der man einmal im leben beigewohnt haben sollte…schöner artikel ;-)

  • 17. Mai 2010 um 23:09
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    Will man Dj Bobo verstehen, muss man seine Texte diggen, geht nicht anders:

    Chihuahua

    (…)
    I’m driving in my car
    Looking for a parking space
    There it is my place somenone else wins the race
    NO, I give up
    Today is not my day

  • 17. Mai 2010 um 23:59
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    @walter: das ist doch aus Infinite Jest geklaut, oder?

  • 18. Mai 2010 um 08:27
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    Chihuahua ist ein Werbesong für CocaCola Spanien gewesen.

    Dies zur Kenntnisnahme, nicht zur Verteidigung.

  • 18. Mai 2010 um 11:46
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    @ Lino, @ Bertram – dazu kann ich nur sagen:

    The promised land is close to you
    The rain is gone, the sky is blue
    Hand in hand we can survive
    We’re fighting for a better life

  • 18. Mai 2010 um 11:49
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    Beedl, Du bist mutiger als Indiana Jones !

    Ich hätte mich nicht getraut, dieser Pseudo-Predigt
    beizuwohnen… cool wäre gewesen, wenn DJ Bobo am
    Ende der Show, seine hässliche Maske abziehen würde
    und Yoda käme zum Vorschein… vielleicht passiert dies bei seinem letzten Auftritt, wer weiss ?

  • 18. Mai 2010 um 15:50
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    Schöner Artikel und mal wieder super Bilder! Ist Herr Baumann nicht erst neulich durch die Sporthallen des Landes getourt? Jetzt füllt er zweimal hintereinander die Porsche-Arena. Wie die Zeit vergeht. Auch ich zolle ihm meinen Respekt.

  • 18. Mai 2010 um 19:50
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    Kommt der auch mal nach Göppingen?

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