JAN DELAY & DISCO NO.1, 19.03.2010, Schleyer-Halle, Stuttgart

Jan Delay

Fotos: Steffen Schmid

Und während ihr in in der Kneipe sitzt
und jammert, dass das Leben Scheiße ist
Da sitz ich hier mit Stift und Papier
der eine jagt den nächsten Geistesblitz
(„Klar“)

Jan Delay 2010 in der Schleyerhalle: „Warst Du damals auch dabei? War der Hammer, oder? Und erst die Verlängerung!“ So werden sich die Hippster noch in Jahrzehnten zuraunen und in wilde Schwelgerei verfallen.

Der Abend wird eröffnet von  Das Bo, bekannt von den Fünf Sternen Deluxe und im Gepäck hat er Hits. Die gutgefüllte Schleyerhalle quittiert mit wohlwollendem Kopfnicken und verhaltenem Hände-in-der-Luft-Fuchteln. Ein bisschen verloren sieht er aus auf der Bühne, wie ein Schüler in zu großen Hosen, der mit ausladenden Gesten seine Parolen rausschreit. Immer wenn das Publikum das auch merkt und die Hände da verschwinden, wo sie hingehören – locker an der Seite herunterbaumeln war noch nie falsch, sagt Mama – ruft das Bo „Stuttgart! Seid ihr da?“ oder wahlweise „Stuttgart! Seid ihr down?“ und – zack! – Stuttgart ist wieder da und die Hände in der Luft. Den Leuten gefällt’s und mit einer Kurzversion von Türlich, Türlich  (Sicher Dicker) verabschiedet er sich.

Jan Delay und seine Band Disko No.1 haben einen fulminanten Einmarsch. Erst die Band, die heißt wie ein Rennpferd, dann Jan und die Glitzerladies. Er trägt einen eng geschnittenen türkisfarbenen Anzug, Hut und weiße Kravatte. Sieht  gut aus, Männer im Anzug können aber auch wenig falsch machen. Frauen haben’s da schon schwerer.  Nicht so die Glitzerladies: Die drei grazilen Backround-Sängerinnen und  Tänzerinnen tragen pailettenbesetzte Kleidchen und bewegen sich wie die Fische im Wasser. Barfuß tanzt es sich eben doch am besten! Rudolf Steiner hatte schon recht.

Hier geht’s aber nicht um Eurythmie, sondern um knallharte Beatz! Und davon hat Herr Delay einige mitgebracht. Zweiter Song ist der Bastard-Pop-Mix aus Cameo’s Word Up und Bo’s Türlich, türlich. Dazu kommt natürlich Meister Bo nochmal auf die Bühne und alle Beteiligten tanzen wie die Derwische, als gäb’s kein morgen!

Wir brauchen Bass, Bass
Wir brauchen Bass
Was geht’n, Alter?
Bass, Bass
Wir brauchen Bass
Seid ihr down?

Jan Delay zeigt sich als glänzender Entertainer, ganz egal ob er Gags über den Namensgeber der Schleyer-Halle macht („Über Nazis darf man Witze machen, auch wenn sie tot sind!“), über die Verfassung des VfB sinniert, das Ende des Hip-Hop-Open in Stuttgart bedauert, die Regeln des Stopptanzes erklärt oder seine Bandmitglieder zu zweizeiligen, selbstgeschriebenen Raps motiviert.

Ich bin immer wieder überrascht, wie funky das alles klingt. Selbst Balladen („Hoffnung“) gehen ihm leicht und unpeinlich von der Hand und über mangelnde Vielseitigkeit kann man sich auch nicht beschweren: Funky uptempo-Nummern, Reggae, selbst scootermäßiges Raven werden geboten. Oh Johnny, Klar, Vergiftet, Irgendwie irgendwo irgendwann, Remmidemmi. Wir sind alle Marionetten am Faden des Meisters und seiner Glitzersirenen. Wie die Fischerchöre. Nur hipper.

Wäre James Last mental noch am Leben, würde er sein wollen wie Jan Delay.

Nach zwei Zugaben ist das Konzert zu Ende und es wird kurios: Jan Delay verkündet, dass das Konzert aufgenommen wurde und bei einigen Liedern etwas schief gegangen ist, weswegen diese nochmal gespielt werden „müssen“. Wer will kann bleiben und Spaß haben. Rund sieben Songs werden nochmal gespielt, darunter auch das Intro und zwei Balladen. Ungefähr ein Drittel des Publikums ist bereits nach Hause gegangen und verpasst so den besten Teil des Abends:

Halber Saal leer und endlich Platz zum Dancen. Das Publikum geht völlig aus sich heraus und tanzt, als würde keiner zuschauen. Den Leuten dabei aber doch zuzuschauen, ist wie ein Blick durch einen klitzekleinen Spalt ins Paradies: Funky Musik und ausgelassene, glückliche, übermütige Menschen. Das gleiche Bild auf der Bühne. Das ist weit weg von Schleyer-Halle und Kommerz, hier wird einfach nur Spaß gehabt. Um 23:40, nach guten 2,5  Stunden Spielzeit kann sich wirklich niemand beschweren, zu kurz gekommen zu sein.

Jan Delay

Fotos: Steffen Schmid

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3 Gedanken zu „JAN DELAY & DISCO NO.1, 19.03.2010, Schleyer-Halle, Stuttgart

  • 20. März 2010 um 20:36
    Permalink

    schöner bericht. wäre gerne dabei gewesen… :)

  • 30. März 2010 um 15:51
    Permalink

    „Wir sind alle Marionetten am Faden des Meisters und seiner Glitzersirenen.“

    Der Bericht ist wundervoll!!!

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