JOCHEN DISTELMEYER, 07.02.2010, Manufaktur, Schorndorf

Jochen Distelmeyer

Fotos: Steffen Schmid

Immer das gleiche Lied: Hab mich schon zwei Mal breitschlagen lassen, Blumfeld live anzuschauen. Ich war zwei Mal hocherfreut. Gelernt habe ich daraus nichts. Musste mich auch dieses Mal wieder überreden lassen, mir Jochen Distelmeyer, bis vor zwei Jahren noch Sänger eben dieser Band,  in der Manufaktur anzuschauen. War schon wieder saugut … selbst der dümmsten Laborratte würde da langsam ein Licht aufgehen.

Die Manufaktur ist mit geschätzten 250 Leuten gut gefüllt, bedenkt man, dass Distelmeyer in den vergangenen Wochen schon in Stuttgart und Tübingen gespielt hat und dass Sonntagabend prinzipiell kein guter Tag für Dinge ist, die man nicht in Pyjama-Hose oder im Liegen tun kann. Einige Leute im Publikum scheinen Wiederholungstäter. Die musste wahrscheinlich keine Sau überreden, standen obendrein tipptopp aufrecht und sahen auch den Umständen entsprechend passend gekleidet aus.

Distelmeyer auch. Sieht schneidig aus im feinen weißen Anzug, wahrscheinlich Herr von Eden oder so was. Der Rest ist aber wesentlich beachtlicher: Der Hamburger, der irgendwie immer ein bisschen aussieht wie einer, den man gerade aufgeweckt hat,  schreibt teils unverschämt schöne Lieder und eine wahnsinnig gute Band hat er auch mit dabei. Auf Platte fällt das manchmal gar nicht auf. Beim Konzert trifft’s mittenrein, trotz all der Gefühlsduselei – vielleicht aber auch gerade deswegen. „Tighter Scheiß“, würde meine kleine Nichte sagen. Obwohl die weder Distelmeyer, noch Blumfeld kennt und Emo eigentlich „voll schwul“ findet.

Was Distelmeyer da tut ist wiederum hochgradig „Emo“:  „Nur mit Dir“, „Jenfeld Mädchen“ oder „Lass uns Liebe sein“. Das sind blitzsaubere Poplieder ohne doppelten Boden, Ironie, Coolnesswahn oder Schutzhelm – so nah am Wasser gebaut, dass Gummistiefel mehr als nur eine gute Idee sind.  Und Distelmeyer selbst: Entwaffnend. Der Typ packt einen. Manchmal singt er so eindringlich, dass man nur hoffen kann, keinen persönlichen Zugang zu seinen Themen zu finden. Ist aber schwer bei einem, der übers Leben und leben singt und zu allem Überfluss auch noch treffende Worte dafür findet. Schlager, Befindlichkeit, Pop oder „neue Innerlichkeit“? Scheißegal. Er trifft. Kurz: der hat einen ruckzuck an der Angel. Hab eben sogar bei Google nachgeschaut, wo und was „Jenfeld“ eigentlich ist. Arsch der Welt in bester Großstadtlage.

„Bleiben Oder Gehen“, auch von  Distelmeyers Platte „Heavy“, beantwortet sich da fast von alleine, zwischendrin gibt’s ein paar Blumfeld-Gassenhauer und herzliche Gespräche mit dem Publikum. „Ihr seid toll“, sagt Distelmeyer. „Ihr seid auch nicht schlecht“, ruft jemand zurück. „Ich weiß, Danke“. Ja, Charme hat er auch. Soviel, dass man schmunzelt, wenn er zum „Hey“-Rufen oder Mitsingen animiert oder unfunky tanzt. Und auch das muss mal gesagt werden: Goldkehlchen der Typ und halt entwaffnend sympathisch. Völlig zu Recht werden The Distelmeyers in der Manufaktur abgefeiert wie blöd.

Lars Precht, der exilschwäbische Bassist, ist wiederum auch eine Liga für sich. Irgendwo zwischen Peter Hook, Balu dem Bär und bizarrer Bewegungslegasthenie bringt der einen auch zum Grinsen. Spielen kann er aber tipptopp. Egal. „Herz“ reimt sich auf „Schmerz“ und Distelmeyer strahlt dann doch heller.

„Ich geh‘ durch die Straßen ohne Gott und ohne Geld“ – „Regen“ ist ein schönes kleines Lied. „Einfach so“ ein Noiserock-Brocken. The Distelmeyers reichen einen bunten Strauß an Melodien und der Kapellmeister gibt wirklich jedem Einzelnen das Gefühl, sich wirklich über den Besuch zu freuen. „Wir sind Frei“, Blumfeld-Hit ist auch immer noch ein wunderschönes kleines Lied. Zeitlos. Da darf schon mal länger geklatscht und „Zugabe“ gerufen werden.

Nach fast zwei Stunden sagt er: „Wir sind Jochen Distelmeyer“, normalerweise ein Satz, der ohne Zwischenstopp direkt in die Psychiatrie führt. Am Sonntagabend in der Manufaktur stimmt’s irgendwie. Die Mannschaft ist der Star … kennen wir ja vom Sportplatz. Irgendeiner ruft „Bravo!“, so was hört man heutzutage nicht mehr oft. Menschen, die so etwas sagen meinen es ernst. Von ganzem Herzen. Distelmeyer ist die richtige Adresse.

Habe jetzt doch was gelernt: Früher habe ich metallhörende Freunde heimlich im Newsletter von Blumfeld angemeldet, wenn ich sie ärgern wollte. Mach‘ ich nicht mehr.

Jochen Distelmeyer

Fotos: Steffen Schmid

Hier gibt’s noch mehr Fotos vom Auftritt in der Manufaktur.

8 Gedanken zu „JOCHEN DISTELMEYER, 07.02.2010, Manufaktur, Schorndorf

  • 8. Februar 2010 um 12:26
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    super geschrieben. der herr setzer hat’s einfach drauf.

  • 8. Februar 2010 um 13:28
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    micha, ein sehr feiner bericht. dankesehr dafür. (oh, und der bravo-rufer war doch tatsächlich ich.)

  • 8. Februar 2010 um 13:42
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    „so nah am Wasser gebaut, dass Gummistiefel mehr als nur eine gute Idee sind.“ Hut ab, Herr Setzer, Hut ab…

  • 8. Februar 2010 um 20:31
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    Ganz großes Kino! Das Konzert! Und der Text!

  • 8. Februar 2010 um 22:55
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    Ich schließe mich meinen VorrednerInnen*) an.

    *) Würde Jochen D. dies so formulieren? Gibt es eigentlich einen Song, der so was mal verarbeitet hat?

  • 8. Februar 2010 um 23:34
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    Bertram, schreib einfach Vorrednerinnen und Vorredner, es ist das Internet, wir haben genug Platz. Alternativ: „Vorredende“ wie „Studierende“.

  • 7. Februar 2012 um 21:04
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    ich fand hierher, weil mir die suchleiste zum dritten ‚e‘ in „jochen distelm“ dann vorschlug „jochen distelmeyer schwul“ (naja, stand an zweiter stelle, aber ich fand’s doch skurril genug als suchvorschlag und habs mal angeklickt LOL). eigentlich wollte ich ja nur mal sehn, ob er vielleicht gerade tourt oder wenigstens was neues ausheckt.

    tolles review, genau so wie er rüberkommt live, ziemlich gut beschrieben. ich hoffe, er schreibt mal eine polonaise. ich glaube, menschen die er berührt mit dem was er macht würden live auch seilspringen oder purzelbäume schlagen statt nur händeklatschen :) und das ist ziemlich cool… lg.

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