DAN LE SAC vs. SCROOBIUS PIP, 30.01.2010, Universum, Stuttgart

dsc_0305

Fotos: Andreas Meinhardt

Phänomen Augenreiben: nicht, weil ich jetzt nach dem Konzert um 2.17 Uhr müde bin, im Gegenteil – viel mehr: was für einen abgefahrenen Gig habe ich da gerade miterleben dürfen? Oder wie ein Kopfnicker, dem ich über die Schulter spickte, simste: „Dan le sac is ace!“.

Bei meiner letzten „Stuttgart kaputtraven“-Party klebte ich vorm Deutschen Fernsehpreis fest. Und reden wir nicht drumrum, diesmal klebe ich vor der Goldenen Kamera. Beste Nachwuchsschauspielerin mit einem verstrahlten Auftritt: Maria Kwiatkowsky und damit Preisträgerin der Lilli Palmer & Curd Jürgens Gedächtniskamera (wirklich wahr, die gibt es).

„Dancefloor Riots“ heisst die neue Reihe der Wir-nennen-es-Party-Macher im Universum, und dan le sac vs. Scroobius Pip sind die ersten, die den Tanzboden aufrühren sollen. Die möchte ich nicht verpassen, verzichte verrückterweise auf die Lebenswerkkameraverleihungen und erwische Support RTR (ehemals „Reimstoff“) aus Stuttgart, die schon mal den Aufstand proben.

Die drei Jungs (genannt Hannibal Laptop,  Demo und Stoff/SinusBeatz) tragen Vollbart, karierte Hemden und machen lupenreinen Beste-Laune-Tec-Rap. Ein eingefleischter Kern an Fans tanzt ordentlich mit, knallende Beats und unglaublich viele Wörter aus bis zu drei Mündern purzeln von der Bühne. Unter anderem erreicht die Forderung „Geht mal wieder demonstrier’n“ mein Ohr. Gefühlte 100 Mal wird uns auf dem Dancefloor versichert, dass wir alle sooooo geil seien. RTR gibt wirklich alles, Respekt – wie Deichkind ohne crazy show (dafür werde ich wahrscheinlich von RTR gesteinigt).

Kurz nach 12 kommen ein Untersetzter im roten T-Shirt mit angedeutetem dritten Knie (vergleiche Haarpracht des Autors) und ein schlaksiger Rauschebartträger mit Schlips auf die Bühne und legen sofort los. Dan le sac (Daniel Stephens), der Rhythmusbesessene und Scroobius Pip (David Peter Meads), der Spoken Word Artist erzeugen auf Anhieb eine ganz besondere Atmosphäre: schleppende, stolpernde, treibende, intelligent arrangierte tanzbare Beats und Breaks treffen auf einen Sprechartisten, der mit einer ernsten, intensiven und packenden Weise sein Wortstakkato in den Club pustet, unterstützt durch eine eindringliche, strenge Gestik – The Streets 2.0. Ich bin kein großer Texteversteher, Scroobius Pip jedoch bringt es fertig, dass ich durch seine Art des Vortrages fühlen kann, was er da spricht. Seine Hand krallt sich um sein Herz, kantige Bewegungen unterstreichen seine Sprache. Bei „Is This Democracy“ schlägt er ein dickes Buch auf und  nimmt die Pose und Sprechweise eines Predigers ein. Verharrende Beats und unruhige Breaks, in denen im Hintergrund etwas zu lauern scheint, verleihen dem Song ein wenig mehr Tiefgang als RTRs „Geht mal wieder demonstrier’n“. Wohlgemerkt, es handelt sich um Popmusik mit so coolen Rhythmen, wie ich sie lange nicht mehr gehört habe. Außer den bei „Angels“, den hat er von Nine Inch Nails „Closer“. Gut klauen kann er also auch.

Ihr Hit “Thou Shalt Always Kill” bringt das Universum zum Hüpfen, das Publikum spricht den Abgesang auf die großen Bands mit Begeisterung mit: „Led Zeppelin – just a band… The Beach Boys – just a band… Nirvana – just a band… “ und dan le sac lässt dafür seine Knöpfe und Displays kaum eine Sekunde aus den Augen, während er das E-Drumpad schlägt.

Nach einer Stunde, der Ankündigung des neuen Albums ab 1. März und einem furiosen Steinschlag übereinanderfallenden perfekt durchkomponierten Beats stehe ich augenreibend im Universum. Was habe ich da gerade erlebt? Ich verleihe in der Kategorie Beste Nachwuchsmusiker den Björk und Aphex Twin Gedächnis-Roland TR-808. Und den Blümchen und Scooter Gedächnistamagotchi. Mit der Hoffnung auf mehr.

Auf dem T-Shirt des nachfolgenden DJ aUtOdiDakt, der ordentlich Elektrorabbatz macht, steht: „need more sleep“. Ich gehe der Forderung nach.

Hier gibt’s noch mehr Fotos.

2 Gedanken zu „DAN LE SAC vs. SCROOBIUS PIP, 30.01.2010, Universum, Stuttgart

  • 1. Februar 2010 um 09:27
    Permalink

    Bertram – unser Mann für Beatz & HipHop.

    Den Björk&AFX-Preis solltest Du Dir sichern lassen, der ist echt nicht schlecht, genau wie Dein Bericht.

    Ace Alda!

  • 3. Februar 2010 um 11:30
    Permalink

    Toller Bericht, tolle Fotos.
    Dan le sac vs Scroobius Pip waren wirklich genial.

    Grüße,
    Catharina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.