THE TWILIGHT SAD, 17.11.2009, Manufaktur, Schorndorf

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Foto: Michael Setzer

Das haben sie drauf, die Schotten. Mieses Wetter, kaum Farbe im Gesicht und nix als Moll im Kopf – der Stoff aus dem Träume gemacht werden, wenn’s sonst nichts zu lachen gibt.

The Twilight Sad aus Glasgow, mehr als nur Zöglinge von Mogwai,  machen den Unterschied am Dienstagabend: Die Trinker sind bei der Jägermeister Rockliga im LKA, die Styler und Hipster bei den französischen Bügelfalten von Phoenix … viele bleiben da nicht mehr übrig und deshalb stehe ich mir zusammen mit handgezählten 38 Leuten und kaum einer Frau bei Twilight Sad in der Manufaktur die Beine in den Bauch. Volle Kanne Jungskonzert.

Vorneweg gab’s ein paar Kerle aus Holland, die in jeder vernünftigen Kneipe ihren Ausweis zeigen müssten: The Death Letters. Einer am Schlagzeug und einer an Gitarre und Gesang mit topmodern frisierter Emo-Seitenklatsche . „Äh, so White Stripes mäßig“, meint einer. So wie das Leute oft sagen bei Bands, die nur aus zwei Leuten bestehen, aber auch in zehntausend kalten Wintern nicht wie White Stripes klingen. The Death Letters klingen wie waschechte Stonerrocker – nur ohne Bass. Das wiederum führt Stoner Rock ad absurdum – macht keinen Sinn. Die brauchen einen Bassisten. Ohne Arme keine Kekse. Ist halt so. Kurz: Der Rest war leidenschaftlich wild, krachig und strotzte eigentlich nur so vor Energie.

The Twilight Sad wiederum machen mir Angst. Werden immer besser auf Platte. „Forget The Night Ahead“, ihre zweite, ist so gut, dass ich mich neulich schon bei mir selbst bedankt habe, dass ich sie gekauft habe. Muss ja auch mal sein. Soll mir keiner nachsagen, ich wäre undankbar.

Über der Bühne steht in recht großen Buchstaben: „We are ugly but we have the music“. Kurz muss ich an Arab Strap denken, die wie keine andere Band den schottischen Miesepeter-Mistwetter-Rock perfektioniert haben. Gott hab sie selig. Keiner sang besser und mehr assi über besoffenen Sex, Swingerpartys, Faustkämpfe und Körperflüssigkeiten als Aidan Moffat.

Was James Graham da singt, verstehe ich leider nicht. Denn wie aufrechte Schotten das tun, singt er fast akzentfreies Schottisch. Ab und zu glaube ich, ein Wort zu verstehen. Der Rest fügt sich mit behutsam aufgebauten Lärmwänden zu einem stimmigen, wenn auch gar nicht lebensfrohen Bild.  Graham zuckelt von einem Bein aufs andere, singt die Decke an und manchmal torkelt er fast. Dem Publikum dreht er nur die Seite und meistens eigentlich den Rücken zu. Aber nicht mit dem Gehabe eines Maynard James Keenan von Tool, sondern wie einer, der sich halt etwas unwohl fühlt, wenn er angeschaut wird. Berufsrisiko in dem Fall.

Und wie nur die wirklich geilen Sänger das machen, singt er sich komplett um den Verstand. Kurz: Der Typ ist Bombe, ob er will oder nicht. Auch die anderen Vier sind der Hit. Sie sehen aus wie die tapsigen Roadies einer Rockband, die aber trotzdem jede Wirtshauskeilerei gewinnen würden – und Lärm machen sie für vier Bands.  Das ist Interpol ohne die Kunst, Editors ohne den Kitsch aber dafür mit wirklich guten Liedern und Mogwai mit ausreichend Platz für Gesang. Andy MacFarlane dreht seine Gitarren wie irre durchs Effektgerät und Mark Devine am Schlagzeug haut jeden einzelnen Ton nochmal gesondert auf den Deckel.

Die Akzente ihrer Platten tauschen sie gegen pure Brachilität ein. Guter Deal an so einem Abend. Und keiner der Typen verzieht dabei auch nur ansatzweise die Miene. Die Lieder der Schotten kommen langsam, werden lauter und dann bricht die schöne heile Welt zusammen und mitten in den Trümmern singt James Graham. Manchmal fangen sie auch einfach gleich da an, wo sich die Post-Rocker von nebenan normalerweise in mühseliger Kleinarbeit reinsteigern.

Das unfassbare „I Became A Prostitute“ sollten sich The Twilight Sad schnell vergolden lassen. „Reflections Of A Television“ rollt bedrohlich und wird tatsächlich auch zum fiesen Monster und „Talking With Fireworks“ ist eine kauzige Lärmorgie – alles völlig ironiefrei, abgrundtief emotional und mit mehr Wucht als Godzilla, der gerade Tokyo platt stiefelt. Gut, Schorndorf ist da vergleichsweise nur ein gezielter Schritt. Aber der sitzt.

Nach knapp einer Stunde gibt’s noch eine ohrenbetäubende aber sexy Feedbackorgie, James Graham verabschiedet sich schüchtern, alle anderen laufen grußlos von der Bühne und kommen trotz mindestens 70 aneinander klatschender Hände nicht mehr zurück. Godzilla ist müde, Schorndorf ist in Schutt und Asche gelegt.

Es bleibt nur eine Hoffnung, dass The  Twilight Sad sich nicht irgendwann selbst ins Knie ficken und sich die Ecken und Kanten glattbürsten lassen. So wie Snow Patrol das zum Beispiel gemacht haben. Halt: Sollen sie, dann werde ich irgendwo an der Bar stehen und jedem der’s echt nicht hören will erzählen, wie gut die damals in Schorndorf waren. Ehrensache. Für Schotten mach ich das.

4 Gedanken zu „THE TWILIGHT SAD, 17.11.2009, Manufaktur, Schorndorf

  • 18. November 2009 um 10:26
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    Sehr schöner Bericht. Ganz ganz großes Kino was da abgeliefert wurde.

    Frage noch Micha, gibt es viell.die Möglichkeit mir ein paar Bilder zu schicken von beiden Bands? Joe ein Freund möchte in deren Blog was kurzes schreiben.Hauptsächlich über Death Letters da die ja bei Stag-o-Lee unter Vertrag sind.

    http://shake-baby-shake.blogspot.com/

    Wäre ne feine Sache. Mail müsstest Du ja von mir sehen?

    Cheerio
    Chris

  • 18. November 2009 um 11:55
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    sehr schön wars.
    selten so schönen krach gehört…

  • 18. November 2009 um 13:18
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    gibt aber auch Schotten, die nix als Dur im Kopf haben wie Camera Obscura, Belle & Sebastian etc.
    Finden einfach keine Mitte die Hochländer.

  • 18. November 2009 um 13:31
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    Stimmt. Sind wahrscheinlich Neigschmeckte.

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