THE POSTMARKS, BELL X1, 15.11.2009, 1210, Stuttgart

The Postmarks

Fotos: Steffen Schmid

So, Postmarks Live-Review, da muss ich als offizielle gig-blog.net Sweet-Pop-Beauftragte (in my dreams) natürlich ran. Sonntagabend, Treffpunkt 20 Uhr Zwölfzehn, Lino ist schon da, Fotograf Schmoudi kommt auch pünktlich, weiß man ja in Stuttgart nie, wann’s losgeht und die Postmarks aus Pompano Beach, Florida, die im Vorprogramm von Bell X1 spielen, wollen wir natürlich auf gar keinen Fall verpassen. Das Zwölfzehn ist locker gefüllt mit Normalos wie uns. Als die fünf Postmarks die Bühne betreten, sind wir sehr überrascht. Lino und ich sind natürlich total in Sängerin Tim (ja so heißt sie wirklich) Yehezkely verliebt, die wir aus den Postmarks-Videos und Promo-Bildern als zuckersüße Indie-Prinzessin mit seidigem Haar und Sixtieskleidchen kennen. Die Tim, die im Zwölfzehn auf der Bühne steht, ist von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet, hat ungekämmte Haare, lächelt nicht und sagt fast gar nichts. Sie singt großartig, spielt toll Gitarre und erinnert zumindest optisch an Charlotte Hatherley oder PJ Harvey, aber sie ist nicht unsere Tim. Wir sind seltsam enttäuscht, obwohl wir doch wegen der Musik da sind und obwohl uns doch total egal ist, wer wie aussieht und überhaupt finde ich mich selber doof und oberflächlich, dass ich die ganze Zeit nur daran denken kann, wieso Tim Yehezkely eben so aussieht, wie sie aussieht und nicht so wie ich es gerne hätte. Die Postmarks spielen großartigen, mehrfach um die Ecke gedachten Filmscore/60s/Indie-Pop, der live sehr viel kantiger klingt als auf Platte. Die Hits lassen sich nur erahnen im Shoegaze-Gewand, aber scheinen immer durch („Nächster James-Bond-Titelsong“ kommentiert Lino bei einem Stück). Broadcast wäre eine weitere Referenz. Mittendrin ein unfassbar schönes Ramones-Cover („7 – 11“), und dann ist die Show nach einen halben Dutzend Songs auch schon vorbei. Die Stücke waren toll, aber es bleibt ein Gefühl von enttäuschter Erwartung und Ratlosigkeit.

Glücklicherweise nimmt der Abend aber dann doch noch eine glückliche Wendung, als ich Jeff Wagner von den Postmarks abpasse, der unwahrscheinlich nett ist und mir erklärt, dass man sich bewusst entschieden habe, live rauer und düsterer zu klingen, weil die Erfahrung gezeigt habe, dass beim US-Publikum bei zuviel Sweetness keine Stimmung aufkommt. Wäre das schon mal geklärt. Außerdem hat die Band am Tag vorher in Holland gespielt, und was sollen wir sagen, aus dem Tourbus roch es ordentlich nach halblegalen Mitbringseln. Es sei den Lieben gegönnt. Wir freuen uns sehr, wenn die Postmarks wie versprochen im nächsten Jahr mit der neuen Platte noch mal richtig auf Tour kommen. Lino, übernehmen Sie.

Der kuriose Abend geht weiter. Wir sind glaub die einzigen 3 Leute, die wegen The Postmarks da sind, weswegen wir natürlich in Sachen Hauptband völlig ahnungslos sind. Irland, da kommen sie her, soviel wissen wir. Topcharme-Begleitung Madame Psychosis bekommt im Gespräch mit Jeff W. noch raus, dass Bell X1 im Vorprogramm von U2 waren. Kann man bedenkenlos glauben, denn die Band klingt nach großen Hallen, nach könnte-problemlos-jederzeit-im-Radio-laufen. Das soll jetzt gar nicht so indieschnöselig despektierlich klingen. Der Vortrag ist von allerhöchster Qualität was Können, Elan und Verve angeht. Mehrstimmige Gesangsharmonien, perfekter Sound und Arrangements, da wackelt aber gar nix. Den Auftritt könnte man problemlos auf CD brennen und als Livealbum verkaufen, so perfekt ist das alles. Auch das Auftreten der Jungs ist ein sehr sympathisches, so dass die Zuschauer sehr begeistert sind. Mir ist die Musik auf Dauer ein wenig zu gefällig, zu überraschungsfrei, oder um es mit Cathrins Worten auszudrücken: „too much!“. In den 80ern hätte ich noch gesagt „kommerziell“, aber dieses Kalkül unterstelle ich der Band nicht. Die wirken sehr authentisch, in dem was sie machen. Irgendwo Musik zwischen den Simple Minds, James Blunt, ein wenig Indiepop (bei ein paar Stücken gibt es, dann doch überraschend, elektronische Parts), A.O.R. und „Knocking On Heavens Door“. High-End Bloggerin Cat stellt sich die Band problemlos bei „Wetten Dass…?“ vor, wie sie vor den dort üblichen Bühnenuhren, bzw. -pendeln auftreten. Aber auch das ist nicht so böse gemeint wie es klingt.

Warum spielt diese Band nicht vor einem viel größeren Publikum? Massengeschmackskompatibel wären sie allemal, und musikalisch sind sie bestimmt besser als ein Haufen anderes Zeug in dieser Richtung, das die großen Hallen füllt.

Ein Abend mit vielen Fragen…

Bell X1

Fotos: Steffen Schmid

Es gibt noch mehr Fotos von The Postmarks und Bell X1.

English version of The Postmarks review: click here

10 Gedanken zu „THE POSTMARKS, BELL X1, 15.11.2009, 1210, Stuttgart

  • 16. November 2009 um 09:45
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    aber auf bild nr 13 sieht sie doch wahnsinnig charming aus… hm?!

  • 16. November 2009 um 15:32
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    @svenja: da haste schon Recht, aber unsere erwartungshaltung war durch dieses bzw. dieses Video geprägt. Schon ein Unterschied zur dark lady gestern abend…

  • 17. November 2009 um 09:44
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    ach wie schön dass geschmäcker so verschieden sind. ich find sie auf schmoudis foto no.13 way more sexy than im `let go´-video (alanis morrissette says hi!) oder im `balloons make me happy´-video (hier find ich sie geradezu langweilig und vorallem den pullover ugly as hell, wenn der mal nicht aufträgt weiß ich ja auch nicht ) ;) aber die oberflächlichkeiten waren ja eh schon lang abgehakt

  • 17. November 2009 um 10:07
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    ja das balloons make me happy video finde ich jetzt auch nicht so der oberhammer ;) eine andere von mir sehr verehrte künstlerin diskutiert auf ihrem blog auch regelmäßig das thema schön vs. sexy vs. ist-doch-eigentlich-total-egal, vielleicht interessiert dich das svenja (oder auch alle anderen – ist sehr lesenswert). das finde ich immer sehr inspirierend was dort verhandelt wird.
    http://marinaandthediamonds.com/

    :)

  • 17. November 2009 um 15:44
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    @Roland: vielen dank! Sehr interessant eure ähnlichen Eindrücke (danke auch für die vielen Verweise in deinem Text! Wollte dir im Forum antworten, aber die haben mich wohl als Spam eingestuft, ich kann da nix mehr reinschreiben:-) bin jetzt erst mal beleidigt mit denen). War schon irgendwie seltsam, dass die Band, die diesen Über-Popsong „Lucky Charme“ komponiert hat, so unsunny aussah. Und auch seltsam wie nicht egal uns das war;-)
    Grüße nach Münster!!

  • 17. November 2009 um 19:22
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    @Lino: Verrat mir mal Deinen RS-Nick, ich schau mal, ob Du wirklich als Spammer gesperrt bist.:) Falls dem so wäre, müsste ich um Nachsicht bitten, wir haben soviel mit Spam zu tun, dass wir Moderatoren vielleicht dem einen oder anderen Unrecht tun, den wir kurzerhand sperren.

  • 17. November 2009 um 19:27
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    PS: Okay, ich hab ihn schon gefunden, ist entsperrt. Sorry.:)

  • 17. November 2009 um 19:27
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    @Roland: keine Sache, hab auch ’ne Mail an den Webmaster geschrieben (hoffentlich war ich nicht zu aufgebracht…räusper…).
    RS-Nickname ist identisch mit meinem hier. Danke!!
    Ich hab mir jetzt mal 2 CDs von The Postmarks bei jpc.de bestellt.
    Und bei euch war sie echt Tweepop-konform angezogen?

  • 17. November 2009 um 19:31
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    @Lino: Ja, war ein hübsches Outfit, hat mich natürlich gefreut. Die Jungs aber in T-Shirts, Hollzfällerhemd usw., casual monday würde ich sagen … :)

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