STUTTGART KAPUTTRAVEN 6 mit Freakatronic+Captain Capa+Prinzip Elektro+Acidkids, 26.09.2009, Keller Klub, Stuttgart

Stuttgart Kaputtraven 6

Fotos: Steffen Schmid

Kennt jemand noch das Party-Team „Techno Hochburg Stuttgart“ (THS)? Die machten Anfang der 90er ihrem Namen alle Ehre, die machten mächtige Technoparties. Die kauften dann irgendwann ein Unimog, um ihren Kram transportieren zu können…

Zu Beginn mach‘ ich mich gleich zwei mal angreifbar:
1) Ich these, dass die Veranstalter von „Stuttgart kaputtraven 6“, die „Wir nennen es Party“ heißen, die legitimen Nachfolger von THS sind.
2) Ich habe am heutigen Abend den ersten Act Freakatronic verpasst, weil ich mich vom grottigen Deutschen Fernsehpreis nicht losreissen konnte; dafür bin ich spätestens jetzt Fan von Anna Fischer.

Einstieg erfolgt also bei Captain Capa: Hey, die gehen ab. Ohne intellektuellen Überbau machen die Elektro-Punk-Rave, schnell, schmissig, tanzbar. Die beiden jungen Herren rufen ihre Sequenzen brav vom Laptop ab, effekten dann aber ordentlich mit Korg & Co drüber und geben eine Gesangs- und Performancevorstellung wie vor ein paar Monaten Friendly Fires im Keller Klub. Britisch, unbeschwert, mit Freude und Herzblut dabei. Klingt ein bisschen wie Digitalism mit einem aufgewachten Robert Smith (The Cure) als Sänger. Dabei kommen beiden aus Thüringen. Das hört man ein bisschen, als einer der beiden (war es Tobias Rapp oder Hannes Naumann) bei der Ansage zum nächsten Song angeblich einen Zuhörer lachend mit den Worten zitiert: „Halt dein Maul und Spiel“. Es folgt das für mich interessanteste Stück. Captain Capa steigt ab vom gallopierenden Techno-Spaß-Pferd und geht mit schwerem Gerät zu Fuß weiter, in monotonem Mid-Tempo, aggressiv-verzerrtem Gesang, in bester EBM-Manier. Davon hätte ich mir etwas mehr gewünscht, aber so war’s auch toll. Dem Publikum hat es ordentlich gefallen, das ging mindestens genauso ab wie Captain Capa.

Zwischen Capa und den Headlinern Acidkids legen Prinzip Elektro aus Stuttgart auf. Sie zeigen wie aus dem Handgelenk geschüttelt, wie sich modernes Techno-Elektro anhört, Respekt. Ich bin gespannt auf ihre EP, die bald kommen soll.

Mit dem DJ-Team Acidkids wird’s hart, bretthart. Die fahren erst mal die tribale Schiene, Gerade-aus-Beats, zwischengarniert mit ein paar bekannten Tunes. Im Web wird ihre Musik mit folgenden Worten betitelt: Techno, Bastardpop, Hooligan Disco. Kann man alles stehen lassen. Mr. Oizo winkt lächelnd vom Balkon.
Die Herren Acidkids stehen mit ihrer CD-Plattentellermiene auf der kleinen Bühne inmitten der euphorierten Tanzgemeinschaft und fallen dennoch auf: Sie sind über dreißig und sie haben die Menge eisenhart im Griff. Sie spielen mit der Menge, ihre Tracks werden immer vielseitiger, die Rhythmen variieren zunehmend, ein verstörendes Trancebreak gaukelt kurz falsche Sicherheit vor, um umso unverfrorener die nächste Keule bratzender Betonschläge schwingen zu können. Da muss ich schon grinsen. Ein Track mit Bostich-Trommeln (Yello, 80er) trifft auf eine Aufarbeitung des legendären Pull Over Remix (Speedy J, 90er) und wird mit staubtrockenen Beats nach vorne getrieben (Wasweissich, 00er). Treffen der Generationen der elektronischen Tanzmusik. Oder interpretiere ich da zu viel hinein, so Max-Frisch-mäßig? Wie auch immer, die Acidkids kennen sich sehr gut aus, die machen das alles richtig gut. Und das Publikum ergibt sich, Stuttgart ravet sich kaputt, im besten Sinne. Wir nennen es Party.

Apropros Publikum: der Keller Klub ist voll, angenehmerweise mit sehr unterschiedlichen Leuten. Junge Technokids, Ü30-Spexleser , Punks, Goths (oder sind das am Ende Visual Keis?) Beeindruckend.
Mich irritieren allerdings immer die vielen Stoffschuhe, da bin ich mit meinen alten Docs fast allein. Allein? Nicht ganz: am Schluss entdecke ich ein junges Mädchen mit CEM-grünen Doc Martens, Treffen der Generationen der Subkulturschuhmode, der Abend ist gerettet.

Mehr Fotos vom Abend gibt’s hier.

11 Gedanken zu „STUTTGART KAPUTTRAVEN 6 mit Freakatronic+Captain Capa+Prinzip Elektro+Acidkids, 26.09.2009, Keller Klub, Stuttgart

  • 27. September 2009 um 13:03
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    Großartig! War quasi dabei nach dem Bericht.
    Fernsehpreis lief stummgeschaltet als Tapete bei mir. Hader hat ’nen Preis, immerhin!

  • 28. September 2009 um 14:25
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    Ahoi Gig Blog, wahnsinnige Bilder habt ihr da gemacht! Danke auch für die netten Worte.

    Dürfen wir zwei Ausschnitte der Fotos auf einem Webflyer für einen anstehenden Gig verwenden? Die sind so top!!

  • 28. September 2009 um 14:48
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    Wer so nett fragt, darf das natürlich.

    Wenn ihr wollt, könnt ihr die entsprechenden Fotos auch hochaufgelöst bekommen.
    Einfach ne kurze eMail an die Adresse im Impressum.

  • 28. September 2009 um 15:22
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    Grandiosen Blog habt ihr hier am Start!

    Vielen Dank für die Blumen, leider waren wir selbst von der Anlage im Keller nicht so begeistert, was dem Spaß aber keinen Abbruch getan hat, glauben wir.

    Könnten wir ebenfalls diese eine Aufnahme von uns als hochauflösendes Bild bekommen? Bräuchten wir für unser Myspace sowie generelle Promo.

  • 29. September 2009 um 13:48
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    @Prinzip Elektro: Schreibt uns einfach an die eMail-Adresse im Impressum. Dann klären wir das.

  • 29. September 2009 um 21:30
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    Super Party, wären da nicht Nazis als Türsteher gewesen…

  • 30. September 2009 um 08:24
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    Erstmal beschäftigt der KK keine Nazis.
    Und zum anderen fand ich, wie meine Begleitung auch, dass das Durchschnittsalter 23 Jahre höchstens war. Musik bretthart und monoton. Ich war enttäuscht von der Veranstaltung.

  • 30. September 2009 um 09:09
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    Sehr geile Party mal wieder! Fand die Musik überhaupt nicht „hart“, weder bei den Bands noch bei den DJs.

  • 1. Oktober 2009 um 12:09
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    Schöner Bericht und abgefahrene Fotos! Danke.

    @ Klaus: Kannst Du Dich bei mir melden? (www.wir-nennen-es-party.de)

  • 11. August 2010 um 22:20
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    lieber spät als nie… hier meine meldung zum thema “Techno Hochburg Stuttgart” – das ist wirklich lange her, und nein – ich bin nicht mehr aktiv! die partys seinerzeit haben einen „geilen“ abschluss in der bunkerlocation hasenberg gefunden, das muss nicht aufgewärmt werden.

    bis denn im keller

  • 11. August 2010 um 23:48
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    Die Bunkerparty war phänomenal. Ausschnitte davon kamen dann in so nem Sonntagabend-Kulturmagazin in der ARD, TTT oder so…

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