WITH FULL FORCE FESTIVAL, 05.07.2009, Flugplatz Roitzschjora

Foto: Michael Setzer

Mein Beruf als professioneller Dixie-Toiletten-Reinigungs-Boy bringt mich bei vielen der Topevents, der echten Happenings in die erste Reihe des Geschehens. Mittenrein und voll Backstage. Dieses Privileg durfte ich heuer auch beim With Full Force Festival bei Leipzig genießen. „Bei Leipzig“ klingt übrigens glamouröser als „in einem schlecht ausgeschilderten Ort, der Löbnitz heißt und sogar einen Segelflughafen mit dem unaussprechlichen Namen Roitzschjora sein Eigen nennt, der übrigens auch saumäßig mies beschildert ist.“

Dass der Artikel jetzt erst hier erscheint, hat einen Grund: War bewusstlos – fast zwei Wochen lang. Backstage sah ich Phil Campbell von Motörhead im Tarnminirock, Netztstrümpfen, Bikinioberteil und Wickelbluse. In diesem sexy Outfit hat der Mann ab 15 Uhr getrunken, wie ein englisches Cricketteam auf Gastspielreise in Thailand. Hat mich umgehauen.

Auf der Zeltbühne zerlegten so lange Architects aus Brighton die Popmusik in ihre Einzelteile. Wildes Rumgespringe, sexy Zeitgeist-Hardcore Post-Irgendwas mit Styler-Merchandise. Sah immer wieder aus, als ob einer der Typen mit dem Schraubenzieher in der Steckdose rumstochert. War trotzdem ganz schön hektisch.

Parkway Drive aus Australien kannte ich bis dato nicht. Kenne sie immer noch nicht. Hab sie jetzt aber wenigstens mal live gesehen. Wollte die schicke VIP Tribüne oberhalb der Hauptbühne bevölkern. Die Typen sehen aus wie Emo-Boys, rumpeln aber wie eine fiese Death Metal Band. Iron Maiden trifft Suffocation trifft Heaven Shall Burn. Volltreffer, so zu sagen. Mindestens so spitze war ihr Backdrop: Ein Din A 2 Plakat, auf das mit Edding der Bandname gekritzelt war.

Im vippigen Artistsbereich, den wir professionelle Dixie-Toiletten-Reinigungs-Boys auch betreten dürfen, ging’s auch hoch her. Wie ein Biergarten nur mit mehr Tattoos und einem kleinen Zelt, in dem Guitar Hero oder wie diese sinnlosen Spiele immer heißen gedaddelt wurde. Rockstar? Vielleicht hieß es auch so. Ebenfalls komisch: Am Jägermeisterstand war nix los, obwohl lauter Musiker anwesend waren und das Servicepersonal weiblich und blond war.

Ignite sind bemerkenswert. Positiver Hardcore, eimerweise Emotion und mutiger Gesang – Sänger Zoli Teglas ist der Klaus Meine des Hardcore. Hits am laufenden Meter „Veteran“, „Let it burn“ werden gleich eingerahmt und an die Wand gehängt. „Bleeding“ auch. Brecher. Beste Grüße gehen auch raus an Mike Ness von Social Distortion – kommt ja auch aus der Nachbarschaft in Orange County und stehen beim With Full Force auch auf dem Programm.

Auf der Hauptbühne machte dann die ultimative Dude- und Bro-Band ordentlich Radau: Down aus New Orleans. Phil Anselmo (Pantera), Kirk Windstein (Crowbar), Rex Brown (Pantera), Pepper Keenan (Corrosion of Conformity) und Jimmy Bower (Eyehategod) – bestens gesichtsbehaart und in ebensolcher Truckermetal-Laune. Wummernde Bässe, derbe Gitarren … Riesenspaß. Phil Anselmo wirkt zwar wie ein Bauer, das ist aber einfach Teil des Deals. Singen kann der Mann alle mal. Pantera mochte ich nie richtig. Down ist eine Wonne. Würzig, männlich, herb. Mit Herz. Zu diesem Stoner-Southern-Todesrock kann man sich locker gegenseitig Bierkrüge über den Kopf ziehen und sich danach verbrüdern. Macht gottlob trotzdem keiner. Am Schluss übergeben Down ihre Instrumente an Freunde und Roadies, die das Konzert vollends nach Hause fahren. Smells Like Dude Spirit.

Auf der Zeltbühne spielen derweil die Cro-Mags. Früher Gütesiegel und Referenz im New York Hardcore Business. Heute sportliche Revue für Hardcore-Traditionalisten. Schön Stop-and-Go, schön stumpf und volle Kanne retro. Kurzehosenrumspringbrüllrefrain. Mich beschleicht der Verdacht, dass genau solche Bands für das alberne Toughguy-Zeug im heutigen Hardcore verantwortlich sind. Die Perspektivlosigkeit, die auch Nazis so attraktiv finden. Kann man den Cro-Mags aber nicht zum Vorwurf machen. „We Gotta Know „ist immer noch ein Hit.

Social Distortion sind eine ganz andere Baustelle. Mike Ness gibt wieder Lehrstunden für die Arbeitsgruppe „saucooler Typ“. Hatte Tränen in den Augen, wie sich das für echte Jungs gehört bei solchen Anlässen. Hits gab’s auch wieder quer durch die Dekaden. „Prison Bound“ spielten sie nicht. Ich singe das eigentlich sehr gerne mit, obwohl ich noch nie im Knast war und eigentlich auch nicht da hin will. Hab dann eben deftig Mike Ness gestalkt.

Motörhead wiederum – das ist jetzt keine Neuigkeit – sind laut. Dass sie allerdings auch auf der Bühne laut sind, wusste ich bisher nicht.  Die Typen machen nicht nur ihr Publikum fertig, sondern auch sich selbst. Auf der VIP Tribüne war’s so laut, dass man nicht mal mehr Zeichensprache verstehen konnte. Wie immer wird’s auch nach vier Liedern recht einerlei, das sagt man aber nur seinen besten Freunden im Vertrauen. Hab mich dann verzogen, war schließlich zum Arbeiten da – Dixie Klos entleeren und so.

Gegen später standen noch My Dying Bride auf dem Programm. War schon spät. Die Bassistin sah aber tophot aus in ihrer Uniform und der Nazi-Mütze, oder was das auch immer war. Könnte auch ein S-Bahnschaffnermütze aus Dresden gewesen sein. Weiß man heutzutage ja nie. Ein freundlicher Brite nimmt mich in den Arm und fängt mit Zeitlupen-Headbanging an. Wir werden wahrscheinlich heiraten.

Mehr Fotos vom Dixie-Boy gibt’s hier.

2 Gedanken zu „WITH FULL FORCE FESTIVAL, 05.07.2009, Flugplatz Roitzschjora

  • 20. Juli 2009 um 14:59
    Permalink

    Deine Texte sind wie Songs von Mr. Bungle: man weiss man nie, was einem nach dem nächsten Takt – respektive: Satz – erwartet:
    „Ein freundlicher Brite nimmt mich in den Arm und fängt mit Zeitlupen-Headbanging an. Wir werden wahrscheinlich heiraten.“
    Ganz großer Rock – respektive: ganz großer Blog!

    Wo waren die Fotos noch mal?

  • 5. August 2009 um 12:55
    Permalink

    feine Zunge! schick geschrieben, beindruckende Grammatik.
    Herzlichen Dank,
    Diak ( Sound Ignite)

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