HEAVEN & HELL, 14.06.2009, Europahalle, Karlsruhe

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So, endlich mal ein Konzert mit Musikern und Liedern, die ich kenne. Heaven & Hell sind ja nix anderes als Black Sabbath mit Ronnie James Dio, 67 (!!!), am Mikrofon. Seine Band DIO und die beiden Anfang 80er Alben „Heaven & Hell“ und „Mob Rules“ mit Black Sabbath waren ja Monumente meiner Teeniezeit. Mein erstes großes Konzert war 1986 DIO, auch damals schon mit DJ Walter Ercolino als Begleitung, der auch heute wieder aus credibility-Gründen dabei ist.

Vorprogramm in der etwa zu 2/3 gefüllten, sehr großen Europahalle ist Axel Rudi Pell. Ist mir noch als Name bekannt (meine kompletten Jahrgänge 1986-1990 des Metal Hammer verstauben ja vorbildlich auf dem Dachboden) und hat mich schon damals nicht interessiert. Positiv betrachtet könnte man sagen, die verstehen ihr Handwerk, solides Songwriting etc. Negativ betrachtet: mir kommt das alles wie schon tausendmal gehört vor. 08/15 Heavy Metal. Abschuss natürlich der Titel „Rock The Nation“ (kein Witz!).
Die Zugabe-Rufe erstaunen mich dann doch, aber dazu bin ich auch viel zu sehr draußen aus der Szene, um das verstehen zu können.

Metaller sind ja jetzt nicht unbedingt für große Subtilität, Grazie und Eleganz bekannt. Kleines Beispiel vor der Halle: Typ auf ’nem Rad sucht noch nach Karten. Wir zu ihm: „Hey, die Frau da verkauft welche.“ Er: „Das ist keine Frau, das ist eine Tonne“ und fährt weiter.
Geile Antwort und guter Grund keine Karte zu kaufen.

Dann aber kommen die Herren Musikgeschichte auf die Bühne. Tony Iommi und Geezer Butler haben ja 1969 mit Black Sabbath ihr erstes Album veröffentlicht. 40 Jahre im Biz!
Wer eine abgeschmackte Altherrenshow erwartet hat, wird enttäuscht. Ronnie James Dio kann auch im hohen Alter noch ein paar anderen Kollegen was lehren. Amy Winehouse, dass man nicht wie ein Pfosten auf der Bühne rumstehen muss, Anthony Kiedis, wie man Töne trifft und Klaus Meine, wie man trotz schütterem Haar alberne Kopfbedeckungen vermeidet. Mit seinen ichweißnichtwieviel Oktaven ist er sowas wie die Mariah Carey des Metal (nur ohne Dachschaden). Sagenhaft, was der kleine Mann mit den italienischen Wurzeln abliefert. Wo andere zu 80 % aus Wasser bestehen, besteht er zu 90 % aus Stimmvolumen.
Tony Iommi scheint auch nicht zu altern. Schon seit jeher der Stoiker auf der Bühne, muss man diesem Mann einfach nur dankbar dafür sein, dass 90 % aller relevanten Metal-Riffs der Welt aus seinen Fingern stammen (8% gehen auf Slayer und die frühen Metallica; 2 % der ganze Rest). Er brachte mit dem kalkulierten Einsatz des Tritonus das Böse in die Musik. Gepriesen sei Mister Iommi! Mir wird auch an diesem Abend wieder klar, dass sein Werk nicht hoch genug einzuschätzen ist.
Geezer Butler ist Geezer Butler! Respekt und Anerkennung für würdevolles Altern, energetisches Bassspiel, respektable Bärte und volles Haar.
Am Schlagzeug sitzt Vinnie Appice seit Urzeiten ein Buddy von Ronnie James. Wie seit jeher hat er eine Schlagzeugburg um sich herum aufgebaut, auf die er mit seinen muskulösen Armen einhaut. Eine Leistungsschau am Schlagwerk (Drumsolo) gibt es auch. Überflüssig, aber der darf das.
Die dürfen eh alles. Auch Dämonenstatuen auf der Bühne, Laser, etc. Überhaupt ist die ganze Lightshow samt Visuals über dem Schlagzeug sehr aufwändig und unterstreicht wirkungsvoll die Musik.
Diese ist über jeden Zweifel erhaben. Der Opener „Mob Rules“ und gleich darauf „Children Of The Sea“ zeigen, dass hier alles stimmt. Spielfreude, guter Sound, brillante Songs und, natürlich auch nicht zu unterschätzen, ein sehr rührender Nostalgiefaktor. Das waren prägende Songs einer bestimmten Zeit für mich, und heute abend ist sie wieder da, und es ist als wäre das alles nie weg gewesen. Großartig!
Der Set geht weiter, bunt gemischt mit paar Songs aus dem neuen Album und den 3 Vorgängeralben. Aus der Ozzy-Zeit wird nichts gespielt, was ich sehr begrüße, da Dios Stimme so gar nicht zu der Charakteristik dieser Songs passt.
Wunderbar, dass sie „Die Young“ und „Falling Off The Edge Of The World“ spielen, schade dass nicht „Sign Of The Southern Cross“ dabei ist.
Absoluter Höhepunkt natürlich der Song „Heaven And Hell“. Die ganze Halle singt dieses Über-Riff nach, feuchte Augen, Gänsehaut, das ganze Programm eben. Aber vorher noch mich über Leute und die Szene lustig machen, geschiet mir Indie-Schnösel ganz recht, dass ich dann so emotional ergriffen bin.
Das Zugabenmedley aus „Country Girl“ und „Neon Knights“ beendet ein fantastisches Konzert.
Metal kann manchmal doch rulen.
ImI

11 Gedanken zu „HEAVEN & HELL, 14.06.2009, Europahalle, Karlsruhe

  • 15. Juni 2009 um 09:39
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    erstmal kurz schelte für misoygyne tendenzen lino (“Das ist keine Frau, das ist eine Tonne”) aber dafür auch sehr gute pointe. ansonsten wieder brillante review lino du könner! Mein Lieblingssatz “ […] DJ Walter Ercolino als Begleitung, der auch heute wieder aus credibility-Gründen dabei ist.“ super gefällt mir auch das nennen von fantasie-prozentangaben, das habe ich an der uni übrigens tatsächlich als zulässiges publizistisches stilmittel gelernt. kleiner typ: ungerade zahlen lassen das ganze noch authentischer erscheinen.

    gig blog 4ever!

  • 17. Juni 2009 um 11:41
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    meine Prozentangaben sind empirisch belegt. Von wegen Fantasieangaben…

  • 18. Juni 2009 um 10:25
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    @Cathrin:

    Okay, ich hab´s nachgeschlagen*) und bekenne mich hiermit zur Kenntnislosikeit des Begriffs „misoygyn“:

    Misogynie (gr. μισεῖν misein „hassen“ und γυνή gyné „Frau“) bezeichnet die bereits in der griechischen Antike denkerisch und literarisch behandelte starke Abneigung von Männern gegen Frauen (den „Frauenhass“) und kann sowohl individuell bedingt als auch eine Äußerung des sozialen Sexismus‘ sein.

    *) es halfen mir bei der Aufklärung: Wiki und die starken Männer [irrer Witz in diesem Kontext]

  • 18. Juni 2009 um 21:39
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    äh ja peinlich mit tippfehler auch noch mein fremdwort. oje. kann bei 1000° hier bei mir unterm dach schon mal passieren. also „misogyn“ heißts natürlich. juhu bertram wenn du schon bei keinem social network aufkreuzt kann man dich wenigstens hier treffen. greetz!

  • 18. Juni 2009 um 23:14
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    eigentlich ja Typfehler, wenn ich den 2ten orthografischen Schnitzer aufgreife…:-)

  • 24. April 2011 um 13:58
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    Das ist ein toller Bericht, der das Konzert auf den Punkt bringt. Insbesondere die Einschätzung zur ARP!

    Der Heaven & Hell Gig war sensationell. Bei Ronnie’s Gesang habe ich Gänsehaut bekommen. Einfach großartig, was so ein Persönchen für ein Stimme haben kann.

    Fotos vom Konzert habe ich in meinem Blog veröffentlicht:
    https://www.stonebreaker.de/2011/04/24/heaven-and-hell-karlsruhe/

  • 24. April 2011 um 14:05
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    Oh wow, was für ein schönes Ostergeschenk! Super Fotos, unvergessliches Konzert, das wir so leider nie wieder sehen werden.
    Vielen Dank!!

  • 24. April 2011 um 14:07
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    Für mich hat sich in Karlsruhe ein Kreis geschlossen: das erste Mal, dass ich Dio gesehen habe, war beim 84er Monsters of Rock im Wildparkstadion. Vorher hatte ich noch nie von ihm gehört, danach war ich Fan.
    Der Auftritt in der Europahalle war der Hammer!
    Dieser kurze YouTube Schnipsel bringt es auf den Punkt: https://www.youtube.com/watch?v=ClDYOVDbnck

  • 24. April 2011 um 15:26
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    Super! Die fehlenden Bilder zur Show, und richtig gute.

  • 24. April 2011 um 21:18
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    so muss das aussehen! Metal-Gitarrist mit Dämon im Hintergrund.

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